WIE IM HIMMEL
Fotoarbeiten von Gerd W. Götzenbrucker
Kirche „Zum Heiligen Borromäus“ am Wiener Zentralfriedhof
In der Kirche „Zum Heiligen Borromäus“ entfaltet sich mit der Ausstellung „Wie im Himmel“ ein raumgreifendes, sinnlich erfahrbares Gesamtkunstwerk, das Architektur, Fotografie und Spiritualität in einen stillen Dialog setzt. Der sakrale Ort selbst wird dabei nicht nur zum Träger der Ausstellung, sondern zu ihrem eigentlichen Resonanzkörper: Die Kirche, die seit ihrer Errichtung als Ort des Übergangs, der Erinnerung und der Transzendenz gedacht ist, wird zur Bühne für einen Blick, der sich konsequent nach oben richtet – dorthin, wo sich in der Geschichte der europäischen Baukunst das Irdische und das Himmlische berühren.
Die Ausstellung zeigt elf großformatige Fotoarbeiten der eindrucksvollsten Kirchenkuppeln Europas. Die Auswahl vereint romanische, gotische und barocke Raumkonzepte und macht die Vielfalt europäischer Sakralarchitektur sichtbar – von klar strukturierten Gewölben bis hin zu illusionistischen, farbintensiven Kuppelmalereien.
Die Kuppel der Borromäuskirche / WIEN

Die monumentale Kuppel der Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus markiert den architektonischen Höhepunkt des Wiener Zentralfriedhofs und ist ein herausragendes Zeugnis des europäischen Jugendstils. Zwischen 1908 und 1911 nach den Plänen von Max Hegele errichtet, definiert der Bau mit einer Außenhöhe von fast 60 Metern die Silhouette des Areals. Das Innere der Kuppel offenbart eine visionäre Raumkunst: Ein tiefblaues Mosaik-Himmelszelt, besetzt mit exakt 999 goldenen Sternen, überwölbt den Sakralraum und symbolisiert die Unendlichkeit und Hoffnung.
Die Kuppel des Kaiserdoms / AACHEN

Die Kuppel des Aachener Doms ist ein architektonisches Monument von welthistorischer Bedeutung und das Herzstück der Pfalzkapelle Karls des Großen. Um das Jahr 800 vollendet, war dieser achteckige Bau für Jahrhunderte der höchste Gewölbebau nördlich der Alpen. Das gewaltige Kuppelmosaik im Inneren zeigt die thronende Christusgestalt, umgeben von den 24 Ältesten der Apokalypse – ein goldenes Abbild des Himmlischen Jerusalems. Während das ursprüngliche Mosaik über die Jahrhunderte verloren ging, wurde die heutige Pracht Ende des 19. Jahrhunderts auf Basis historischer Beschreibungen in venezianischer Mosaiktechnik neu erschaffen.
Die Kuppel der St.-Stephans-Basilika / BUDAPEST

Die Kuppel der St.-Stephans-Basilika ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der ungarischen Hauptstadt und ein Triumph der neoklassizistischen Baukunst. Mit einer beeindruckenden Höhe von 96 Metern – exakt identisch mit dem Budapester Parlamentsgebäude – symbolisiert sie das Gleichgewicht zwischen Kirche und Staat in Ungarn. Nach einem dramatischen Einsturz während der Bauphase im Jahr 1868 wurde die heutige Konstruktion unter der Leitung von József Hild und Miklós Ybl vollendet. Das Innere der Kuppel offenbart ein prächtiges Mosaik-Ensemble.
Das Gewölbe der St. Peter-Kathedrale / EXETER

Das Deckengewölbe der Kathedrale von Exeter ist ein einzigartiges Juwel der englischen Gotik (Decorated Style) und gilt als das längste ununterbrochene mittelalterliche Gewölbe der Welt. Anders als die monumentalen Kuppeln in Wien oder Budapest, ruht der „Himmel“ von Exeter auf einer filigranen Struktur aus unzähligen Sandsteinrippen. Von den Kapitälen der Bündelpfeiler fächern sich die Rippen wie Palmwedel aus und spannen sich über das gesamte Hauptschiff. Dieses architektonische Meisterwerk aus dem 14. Jahrhundert erzeugt eine unvergleichliche Dynamik: Der Blick wird nicht in ein zentrales Zentrum gezogen, sondern entlang einer rhythmischen Fluchtlinie durch die gesamte Länge der Kathedrale geleitet.
Die Kuppel von St. Gereon / KÖLN

St. Gereon sprengt die klassischen Formen des Kirchenbaus. Das Herzstück der Basilika ist das Dekagon, ein zehneckiger Zentralbau, dessen Fundamente auf einem römischen Prachtbau aus dem 4. Jahrhundert ruhen. Im 13. Jahrhundert wurde dieses antike Mauerwerk spektakulär aufgestockt und mit einem der kühnsten Gewölbe der Epoche gekrönt. Mit seiner elliptischen Form und einer Spannweite von fast 20 Metern war das Dekagon von St. Gereon zeitweise der größte Kuppelbau des Abendlandes zwischen der Hagia Sophia und dem Dom von Florenz. Die Architektur wirkt wie eine steinerne Krone, deren zehn Seiten von hohen, schlanken Lanzettfenstern durchbrochen werden, die den Raum in ein mystisches Licht tauchen.
Die Kuppel der Jesuitenkirche / WIEN

Die Jesuitenkirche beherbergt eines der faszinierendsten Rätsel der Wiener Barockkunst. Wer im Kirchenschiff nach oben blickt, sieht eine gewaltige, prachtvoll verzierte Kuppel, die sich scheinbar tief in den Himmel wölbt. Doch die Architektur trügt: Die Kuppel existiert physisch nicht. Es handelt sich um ein flaches Deckengemälde, das durch die meisterhafte Anwendung der Zentralperspektive (Quadraturmalerei) eine perfekte dreidimensionale Tiefe vortäuscht. Der Jesuitenpater und Maler Andrea Pozzo schuf dieses Werk um 1703 und verwandelte die flache Decke in ein triumphales Tor zum Himmel, das die Grenze zwischen Realität und Vision vollständig auflöst.
Die Kuppel von St. Stephan / PASSAU

Die Kuppel des Passauer Doms ist ein Meisterwerk des italienischen Hochbarocks auf deutschem Boden. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1662 schuf der Architekt Carlo Lurago diesen monumentalen Vierungsbau, der die gewaltige Dimension des Doms krönt. Mit ihrer achteckigen Grundform und der eleganten, weithin sichtbaren Laterne bildet die Kuppel das optische Zentrum des Kirchenraums. Sie ist ein Triumph der Vertikalität: Durch acht riesige Fenster flutet das Licht in den Altarraum und lässt die weiße Pracht des Stuckhimmels in einer fast überirdischen Helligkeit erstrahlen.
Das Gewölbe der Sagrada Família / BARCELONA

Antoni Gaudí schuf in der Sagrada Família ein Gewölbe, das weltweit ohne Vergleich ist. Statt auf schwere Mauern und Rundbögen setzte er auf die Natur als Vorbild: Die Säulen des Mittelschiffs verzweigen sich in schwindelnder Höhe wie die Äste riesiger Bäume und stützen ein Blätterdach aus geometrisch komplexen Hyperboloiden. Diese wirken wie Lichtteller, die den Himmel öffnen, ohne eine klassische geschlossene Kuppel zu bilden. Das Gewölbe (vollendet um 2010) bündelt das Licht nicht in einem Zentrum, sondern verteilt es wie das Sonnenlicht, das durch ein dichtes Blätterdach fällt. Es ist eine Architektur, die Mathematik, Statik und Mystik zu einem lebendigen Organismus verschmilzt.
Die Kuppel der Elisabeth-Kapelle / WIEN

Inmitten der wuchtigen, neuromanischen Mexikokirche verbirgt sich mit der Elisabeth-Kapelle einer der kostbarsten Innenräume Wiens. Die Kuppel der Kapelle ist ein glanzvolles Zeugnis der Wiener Secession und des späten Jugendstils. Über dem achteckigen Grundriss wölbt sich eine Pracht aus Goldgrundmosaiken, die den Raum in ein überirdisches, warmes Licht tauchen. Das Bildprogramm der Kuppel ist eine Hommage an die Tugenden der heiligen Elisabeth von Thüringen, dient aber gleichzeitig der Verehrung der ermordeten Kaiserin Sisi. Mit ihrer feingliedrigen Ornamentik und der flächigen Vergoldung erinnert die Kapelle an die byzantinische Pracht von San Vitale in Ravenna, übersetzt in die Formensprache der Wiener Moderne.
Die Kuppel des Petersdoms / ROM

Die Kuppel des Petersdoms ist das architektonische Vermächtnis von Michelangelo Buonarroti. Als „Cupola“ dominiert sie die Skyline Roms und dient als Prototyp für unzählige Regierungs- und Sakralbauten weltweit. Mit einer inneren Scheitelhöhe von über 130 Metern erschuf Michelangelo einen Raum von solch gewaltigen Dimensionen, dass er das menschliche Maß weit übersteigt. Die doppelschalige Konstruktion aus Ziegelmauerwerk ruht auf vier gigantischen Pfeilern und wird durch eine imposante Laterne gekrönt, die das Licht wie ein göttlicher Strahl direkt in das Zentrum der Basilika, über das Grab des Apostels Petrus, leitet.
Die Kuppel von St. Peter / WIEN

Die Peterskirche bricht mit der traditionellen Wiener Kirchenarchitektur: Anstatt eines langgestreckten Schiffes dominiert hier ein kompakter, ovaler Zentralbau, der von einer gewaltigen, grünen Patina-Kuppel gekrönt wird. Entworfen von Lukas von Hildebrandt(der auch das Schloss Belvedere schuf) und vollendet unter Matthias Steinl, ist diese Kuppel ein Meisterwerk der vertikalen Verdichtung. Da der Platz am Graben begrenzt war, bauten die Architekten in die Höhe: Die Kuppel wirkt durch ihre ovale Form und die hohe Laterne deutlich steiler und dynamischer, als es ihr äußerer Anschein vermuten lässt.
Die Kuppel von Frauenkirche / DRESDEN

Die von George Bähr zwischen 1726 und 1743 errichtete und bis 2005 meisterhaft rekonstruierte Dresdner Frauenkirche ist mit ihrer „Steinernen Glocke“ ein statisches Weltwunder aus sächsischem Sandstein. Im Inneren öffnet sich die massive, 12.000 Tonnen schwere Last zu einem lichtdurchfluteten, protestantischen Festsaal, dessen barockes Kuppelfresko von Giovanni Battista Grone die vier Evangelisten in hellen Pastelltönen erstrahlen lässt. Wer heute unter diesem 91 Meter hohen Gewölbe nach oben blickt, erfährt eine zutiefst bewegende Aura des Trostes und der Hoffnung; die lichte, harmonische Weide verwandelt das einstige Mahnmal der Zerstörung in ein bleibendes Symbol des Friedens und der Versöhnung, das den Geist befreit und den Betrachter – ganz im Sinne des Titels – ein Stück weit dem Himmel näherbringt.
Die Kuppel des Kapitelhauses / KATHEDRALE VON SEVILLA

Die zwischen 1550 und 1592 von Diego de Riaño, Hernán Ruiz dem Jüngeren und Asensio de Maeda errichtete Kuppel des Kapitelhauses (Sala Capitular) der Kathedrale von Sevilla ist die erste elliptische Kuppel der spanischen Baugeschichte. Die ungewöhnliche, ovale Geometrie des aufwendig verzierten Kassettengewölbes diente einem klaren funktionalen Zweck: Sie garantierte den im Kreis sitzenden Domherren perfekte Sichtachsen und eine makellose Akustik bei ihren Ratsversammlungen. Im Zentrum dieses Renaissance-Meisterwerks thront seit 1667 Bartolomé Esteban Murillos berühmtes Barockgemälde der „Unbefleckten Empfängnis“, umgeben von acht kreisrunden Porträts der Stadtheiligen, die als himmlische Zeugen über den irdischen Entscheidungen wachen. Wer heute unter diesem harmonischen Oval verweilt, erlebt durch das sanft einfallende Licht eine intime Aura von vollkommener Klarheit und Symmetrie – ein schwebender, goldener Kokon, der den Geist nicht durch schiere Größe überwältigt, sondern ihn in vollendeter Ordnung zur Ruhe kommen lässt.
Die Kuppel der St. Ursenkathedrale / SOLOTHURN

Die zwischen 1762 und 1773 von den Tessiner Baumeistern Gaetano Matteo und Paolo Antonio Pisoni errichtete Vierungskuppel der St. Ursenkathedrale in Solothurn ist das bedeutendste sakrale Monument des Schweizer Frühklassizismus. Die harmonische Geometrie der Kuppel bricht radikal mit dem überladenen Barock und fügt sich stattdessen in das faszinierende, stadtgeschichtliche Zahlenspiel der Solothurner „Magischen Elf“ ein. Im Inneren der Kuppelschale verzichtete man ganz auf farbgewaltige Deckenfresken; stattdessen dominieren die meisterhaften, reinweißen Stuckaturen von Francesco Pozzi. Wer heute unter dieser lichten Wölbung verweilt, erlebt durch das ungehindert einströmende Tageslicht eine Aura von makelloser, fast meditativer Klarheit – ein schattenfreier, rationaler „Himmel“, der die Besucher nicht durch barocke Opulenz überwältigt, sondern den Geist in vollkommener, mathematischer Symmetrie und Ruhe ordnet.
Die Kuppel der Neuen Synagoge / SZEGED

Die zwischen 1900 und 1903 von Lipót Baumhorn errichtete Kuppel der Neuen Synagoge in Szeged verbindet mauretanisch-gotische Elemente mit der floralen Eleganz des ungarischen Jugendstils zu einem einzigartigen Kosmogramm [INDEX]. Das von Rabbiner Immanuel Löw entworfene theologische Konzept ruht auf vier monumentalen Säulen, die für Thora, Arbeit, Nächstenliebe und Gerechtigkeit stehen. In einer Innenhöhe von 48,5 Metern entfaltet sich ein atemberaubendes, tiefblaues Glasmosaik des berühmten Künstlers Miksa Róth, das als unendlicher, nächtlicher Sternenhimmel gestaltet ist. Wer heute unter diesem Meisterwerk verweilt, erlebt durch das von Gold- und Blautönen gefilterte Tageslicht des Tambours eine zutiefst berührende Aura der Geborgenheit – ein schützender, lebendiger Baldachin des Universums, in dessen absolutem Zenit ein strahlendes Sonnenrad mit dem hebräischen Wort für „Liebe“ leuchtet.
Die Kuppel der Jesuitenkirche / MANNHEIM

Die zwischen 1738 und 1760 nach Plänen der Architekten Alessandro Galli da Bibiena und Nicolas de Pigage errichtete Vierungskuppel der Jesuitenkirche in Mannheim gilt als die bedeutendste Barockkuppel des deutschen Südwestens. Das nach römischem Vorbild gestaltete Bauwerk beherbergt ein monumentales, 400 Quadratmeter großes Meisterwerk der barocken Illusionsmalerei von Egid Quirin Asam, das nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs detailgetreu rekonstruiert wurde und die Verherrlichung des Ordensgründers Ignatius von Loyola zeigt. Wer heute in der 45 Meter hohen Vierung nach oben blickt, taucht in ein von Licht geflutetes, theatralisches Welttheater ein: Die durch die hohen Tambourfenster einfallenden Sonnenstrahlen lassen die gemalten Wolkenbänder und Engelscharen plastisch erstrahlen, lösen das massive Steingewölbe optisch auf und ziehen den Besucher mit triumphaler Zuversicht hinein in eine unendliche, himmlische Sphäre.
Die Vierung der Karmelitenkirche Döbling / WIEN

Die zwischen 1898 und 1901 von Richard Jordan errichtete Vierungsüberwölbung der Döblinger Karmelitenkirche im 19. Wiener Gemeindebezirk ist ein herausragendes Denkmal des sakralen Historismus. Der monumentale Sichtziegelbau rahmt im Inneren das historisch tief verehrte Gnadenbild der „Maria mit dem geneigten Haupt“ ein und verbindet neoromanische Strenge mit frühen modernen Meisterwerken, wie den markanten Altarleuchtern von Jože Plečnik. Wer heute unter diesem neoromanischen Gewölbe verweilt, erfährt eine zutiefst schützende Aura von wehrhafter Geborgenheit und intimer Stille: Während die massiven gelben Backsteinmauern die Hektik der Metropole radikal aussperren, flutet das Tageslicht durch farbige Glasfenster und taucht den Vierungsbereich in ein warmes, mystisches Lichtspiel, das den Blick des Betrachters erdet, den Geist zur Ruhe kommen lässt und die spirituelle Einfachheit des Ordens auf poetische Weise spürbar macht.
Die Kuppel des Salzburger Doms / SALZBURG

Die zwischen 1614 und 1628 von dem italienischen Baumeister Santino Solari errichtete monumentale Vierungskuppel des Salzburger Doms gilt als architektonisches Initialprojekt des Barockstils im gesamten alpenländischen Raum. In einer beeindruckenden Innenhöhe von 55,5 Metern entfaltet sich ein streng geordneter, pastellfarbener Freskenzyklus von Donato Mascagni und Ignazio Solari, der eingebettet in die prachtvollen weißen Stuckaturen von Giuseppe Bassarino Szenen aus dem Alten Testament und der Offenbarung des Johannes zeigt. Wer heute direkt unter dieser lichten Wölbung verweilt, erlebt durch das ungehindert flutende alpine Tageslicht der acht großen Tambourfenster eine Aura von kühler, majestätischer Erhabenheit: Die Lichtstrahlen transformieren die Kuppel in einen vertikalen Lichttrichter, der das massive Gestein optisch auflöst, die barocke Ordnung zum Leben erweckt und den Betrachter – ganz im Sinne des Ausstellungstitels – in einen schwebenden, unendlich weiten Kosmos entführt.
Abraham-Kuppel im Atrium des Markusdoms / VENEDIG

Die im 13. Jahrhundert von venezianischen Meistern geschaffene Abraham-Kuppel im Atrium des Markusdoms in Venedig bildet als Teil des weltberühmten Genesis-Zyklus das glanzvolle Entree zum sakralen Raum. Auf strahlendem Goldgrund erzählen die detailreichen, konzentrisch angeordneten Mosaikbänder aus Millionen winziger Glassteinchen (Tesserae) die Schlüsselmomente aus dem Leben des Urvaters Abraham – vom göttlichen Aufbruchsbefehl über die Begegnung am Hain von Mamre bis zur Geburt Isaaks. Wer heute unter diesem byzantinischen Gewölbe verweilt, erlebt eine zutiefst intime Aura von konzentrierter Erhabenheit: Da dieser „Himmel“ dem Betrachter physisch viel näher ist als die monumentalen Hauptkuppeln der Basilika, fängt er das gedämpfte Licht des Vorraums auf besonders sanfte, warme Weise ein, verwandelt das Gewölbe in einen schützenden, schimmernden Baldachin und lädt den Besucher – ganz im Sinne des Ausstellungstitels – ein, die Schwere des Alltags abzustreifen und meditativ in die spirituellen Wurzeln der Ewigkeit einzutauchen.
Panteão Nacional / LISSABON

Die im Jahr 1682 von João Antunes entworfene und erst 1966 nach einer legendären Bauzeit von 284 Jahren vollendete Kuppel des Nationalpantheons in Lissabon (Igreja de Santa Engrácia) erhebt sich majestätisch als strahlend weißes Barockmonument über dem Tejo. In einer schwindelerregenden Innenhöhe von 80 Metern verzichtet die monumentale Wölbung ganz auf klassische Freskenmalerei; stattdessen inszeniert sie die pure Harmonie aus einfallendem portugiesischen Tageslicht und den prächtigen, mehrfarbigen Marmor-Intarsien (Polychromie) der darunter liegenden Wände und Böden. Wer heute unter dieser gewaltigen Wölbung, inmitten der Ehrengräber von Entdecker Vasco da Gama bis Fado-Ikone Amália Rodrigues verweilt, erfährt eine zutiefst würdevolle, zeitlose Aura von unendlicher Klarheit und majestätischer Weite – ein schlichter, lichtdurchfluteter „Himmel“, der den Besucher sanft umhüllt, die Schwere der Jahrhunderte vergessen lässt und den Geist vollkommen zur Ruhe kommen lässt.
Servitenkirche/ WIEN

Die zwischen 1651 und 1677 vermutlich nach Plänen von Carlo Martino Corleone errichtete Kuppel der Servitenkirche in Wien gilt als wegweisendes Meisterwerk, das als erster eigenständiger, italienisch beeinflusster barocker Zentralbau der kaiserlichen Residenzstadt Geschichte schrieb. Über dem eleganten, ovalen Hauptraum verzichtet das Gewölbe ganz auf großflächige Freskenmalerei; stattdessen inszeniert es ein virtuoses, plastisches Licht- und Schattenspiel auf den reinweißen Stuckaturen von Giovanni Battista Barberini und Giovanni Battista Carlone. Wer heute unter dieser elliptischen Wölbung verweilt, erfährt durch das sanft einbrechende Tageslicht der hoch ansetzenden Fensterreihen eine Aura von intimer Geborgenheit und tiefer Stille – ein harmonisch schützender „Himmel“ aus Stuck und Klarheit, der den Besucher einlädt, die Hektik der Metropole draußen zu vergessen und in vollkommener Symmetrie inneren Frieden zu finden.
Theatinerkirche/ MÜNCHEN

Die ab 1663 von den Baumeistern Agostino Barelli und Enrico Zuccalli nach dem Vorbild der römischen Kirche Sant’Andrea della Valle errichtete Vierungskuppel der Münchner Theatinerkirche gilt als triumphales Initialprojekt des italienischen Hochbarocks in Deutschland. In einer beeindruckenden Innenhöhe von rund 50 Metern verzichtet die monumentale Wölbung ganz auf farbige Freskenmalerei; stattdessen inszeniert sie ein atemberaubendes, reinweißes Universum, das vollständig von den virtuosen, dreidimensionalen Stuckaturen von Giovanni Nicolò Petri beherrscht wird. Wer heute direkt unter dieser kühnen, 71 Meter hohen Konstruktion verweilt, erlebt durch das ungehindert flutende Tageslicht der sechzehn großen Tambourfenster eine Aura von überwältigender, majestätischer Klarheit und tiefer Stille: Das reine Licht wird zum eigentlichen Baustoff, bricht sich auf den kalkweißen Oberflächen, lässt die stuckierten Engelscharen plastisch in der Luft schweben und zieht den Betrachter – ganz im Sinne des Ausstellungstitels – aus der irdischen Schwere hinein in einen unendlichen, lichten Kosmos.
Kathedrale von Zamora / ZAMORA

Die im 12. Jahrhundert (um 1174) vollendete monumentale Vierungskuppel (Cimborrio) der Kathedrale von Zamora ist eine architektonische Sensation des spanischen Mittelalters, die raue romanische Schwere kühn mit byzantinischen und mauretanischen Einflüssen verknüpft. Das halbkugelförmige Innengewölbe ruht auf einem durchdachten System aus 16 kraftvollen, steinernen Gewölberippen, die wie die Speichen eines gewaltigen Rades im Zenit zusammenlaufen und von einem zweistufigen Tambour getragen werden. Wer heute direkt unter diesem frühneuzeitlichen Meisterwerk verweilt, erlebt durch das intensiv einfallende kastilische Tageslicht der 16 Rundbogenfenster eine Aura von archaischer Erhabenheit und wehrhafter Stille: Da die Architektur gänzlich auf ornamentalen Prunk verzichtet, wird die nackte, perfekt behauene Steinstruktur im Lichtkegel selbst zum Kunstwerk, fängt den Betrachter in einem schützenden Kokon auf und löst das Versprechen der Ausstellung, sich „wie im Himmel“ zu fühlen, auf bemerkenswert zeitlose und pure Weise ein.
Salesianerinnenkirche / WIEN

Die zwischen 1717 und 1730 vom kaiserlichen Hofbaumeister Donato Felice d’Allio errichtete monumentale Kuppel der Salesianerinnenkirche in Wien am Rennweg gilt als ein glanzvolles Wahrzeichen des Wiener Hochbarocks. In der schwindelerregenden Höhe des ovalen Zentralraums entfaltet sich das prachtvolle Kuppelfresko des venezianischen Starkünstlers Giovanni Antonio Pellegrini aus dem Jahr 1725, das mit seiner luftigen, pastellfarbenen Pinseltechnik die Glorie des Heiligen Kreuzes feiert und die materielle Raumgrenze optisch vollständig aufreißt. Wer heute direkt unter dieser kühnen Wölbung verweilt, erlebt durch die Lichtflut der hohen Tambourfenster eine Aura von heiterer Erhabenheit und tiefer kontemplativer Stille: Die einfallenden Sonnenstrahlen verwandeln die Vierung in einen vertikalen Lichtschacht, der die barocken Strukturen zum Leben erweckt, die irdische Schwere für einen Moment aufhebt und den Betrachter – ganz im Sinne des Ausstellungstitels – sanft in eine unendliche, schimmernde Himmelssphäre zieht.
Die gezeigten Werke führen zu einigen der bedeutendsten Kuppelräume Europas und eröffnen eine visuelle Reise durch unterschiedliche Epochen und Ausdrucksformen sakraler Baukunst. Diese Auswahl vereint romanische, gotische und barocke Raumkonzepte und macht die Vielfalt europäischer Sakralarchitektur sichtbar – von klar strukturierten Gewölben bis hin zu illusionistischen, farbintensiven Kuppelmalereien.
„Wie im Himmel“ versteht sich als Gegenentwurf zu einer beschleunigten Gegenwart. Die Ausstellung schafft einen Raum der Konzentration, der Stille und der bewussten Wahrnehmung. Sie lädt dazu ein, den Blick zu verlangsamen, sich auf Architektur einzulassen und einen Moment der inneren Sammlung zu erleben. Gleichzeitig aktiviert das Projekt einen bedeutenden sakralen Ort in Wien neu und eröffnet einen niederschwelligen Zugang zu zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum.
Eine wesentliche, fast intime Dimension der Ausstellung erschließt sich erst durch die Arbeitsweise des Fotografen selbst. Alle gezeigten Aufnahmen sind nicht aus der üblichen Perspektive des stehenden Betrachters entstanden, sondern aus einer radikal anderen Haltung heraus: liegend, direkt unter der Kuppel, mit dem Blick senkrecht nach oben gerichtet. Diese Perspektive überträgt eine körperliche Erfahrung in das Bild und eröffnet eine neue Form der Architekturfotografie.
Die Fotografien entstehen in menschenleeren Kirchen, meist in den frühen Morgenstunden, oft gegen sieben Uhr, wenn die Räume noch still sind und das Licht beginnt, sich langsam in den Höhen der Architektur zu entfalten. In diesen Momenten gehört der Raum für kurze Zeit nur dem Fotografen – und der Stille.
Mit „Wie im Himmel“ entsteht eine Ausstellung, die Fotografie, Architektur und körperliche Erfahrung miteinander verbindet. Sie macht sichtbar, wie Räume wirken – und was es bedeutet, sich unter ihnen zu befinden.
Ein zentrales Element der Ausstellung ist die aktive Einbindung der Besucher*innen. Im Zentrum des Halbkreises, direkt unter der Kuppel der Kirche, befindet sich eine schlichte Matte. Besucher*innen sind eingeladen, sich darauf zu legen und den Raum aus der Perspektive des Fotografen wahrzunehmen.
Diese Erfahrung verändert die Wahrnehmung grundlegend: Der Blick richtet sich nach oben, der Raum beginnt sich zu öffnen, Linien und Strukturen entfalten eine neue Dynamik. Die Architektur wird nicht nur gesehen, sondern körperlich erfahrbar. Neben der Möglichkeit, die Perspektive des Fotografen im Liegen einzunehmen, eröffnet die Ausstellung eine zweite, ebenso unmittelbare Form der Annäherung an den Raum: das bewusste Stehen unter der Kuppel.
„Wie im Himmel“ ist eine Einladung. Nicht nur zu schauen – sondern zu erleben. Diese Ausstellung verändert ihren Blick.
Die Publikation überträgt die zentrale Idee des Projekts – den Blick nach oben, die Konzentration auf Licht, Raum und Detail – in ein eigenständiges, dauerhaftes Format. Himmlische Kuppeln, die den Blick ins Unendliche öffnen: großer Wandkalender mit Aufnahmen von den atemberaubendsten Kirchen-Gewölben Europas. 12 einzigartige Juwelen der Architekturfotografie. Mit meisterhaften Deckenfresken aus Österreich, Italien, Ungarn oder England: von gotischem Maßwerk bis hin zu barocken Pracht-Kirchenbauten.
WIE IM HIMMEL 2027
Foto-Wandkalender in brillanter Farbqualität
33 x 68 cm, Athesia Kalenderverlag
Preis: 32 Euro (inkl. USt., zzgl. Versandkosten)
Der Folder zur Ausstellung ist ein Begleiter durch die Ausstellung „Wie im Himmel“ von Gerd W. Götzenbrucker, die vom 20. bis 25. Oktober 2026 in der Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus auf dem Wiener Zentralfriedhof zu sehen ist. Er führt die Besucherinnen und Besucher durch ein raumgreifendes Gesamtkunstwerk, das europäische Sakralarchitektur, Fotografie und Spiritualität in einen stillen Dialog setzt.
Nach dem großen Erfolg des aktuellen Kalenders dürfen sich Kunst- und Architekturbegeisterte freuen: Ein neuer Foto-Wandkalender „Wie im Himmel 2028“ ist bereits in aktiver Vorbereitung. Er wird Sie erneut mit 12 atemberaubenden, meisterhaften Aufnahmen europäischer Kirchenkuppeln und Deckenfresken durch das Jahr begleiten.